ZWEITENS – Fortsetzung der Fundstücke

Veröffentlicht am | Freitag, den 21.05.10 | Christoph Schlingensief

Der eine Kampf ist der Kampf des Überlebens, also zu gucken, dass man den nächsten Tag erreicht oder die nächste Woche oder den nächsten Monat. Das ist der reine gesundheitliche Aufwand. Und dann gibt es natürlich die Kampfbereitschaft im Leben selber. Wenn ich schon kämpfe, dann muss ich aber wissen, warum. Und jetzt muss ich den finden, der mir den Grund sagt. Da ist, glaube ich, der Weg der richtige, dass ich mir den Grund selber nenne. Und dann kämpfe ich tatsächlich für mich.

Dann ist hoffentlich auch die Voraussetzung da zu sagen, ich weiβ, dass auch ich sterben werde. Selbst wenn ich jetzt mein Leben verändere, selbst wenn ich es jetzt auf den Kopf stelle und total anders strukturiere, auch ich werde irgendwann mal am Ende daliegen und das war’s.Aber vielleicht bin in einen kleinen Schritt näher gekommen zu einer Form von Transparenz. Vielleicht bin einen kleinen Schritt näher gekommen zu einer Klarheit, die man mir genommen hat oder die ich mir habe selber nehmen lassen in dem ich immer wieder auf Leute gehört habe, die mir erzählt haben, was ich tun soll. Oder ich mir selber schon im vorauseilenden Gehorsam erklärt habe: tu dieses, dann wirst du keine Probleme kriegen.

Also diese ständige Verwirrung, die wir da so haben. Wer ist in der Lage, sich selber den Marschbefehl zu erteilen? Da ist kein Politiker in der Lage, auch kein Künstler, vielleicht der noch am ersten. Nur leider lässt der Künstler sich noch schneller kaufen als ein Politiker. Ein Politiker muss leider damit rechnen, dass ihm schon wieder nach einem halben Jahr irgendeiner offenbart, dass er falsch abgerechnet hat, oder dass er eitel ist oder sonst einen mist. Ein Künstler hat erstmal Freiheit und deshalb fängt er auch ganz schnell an sich zu wiederholen und auf seinen Erfolg zu bestehen.

Ich glaube, dass es gut ist, darauf zu hoffen, dass sich Dinge ganz plötzlich ganz anders entwickeln als wie man sie gedacht hat. Also sich auch auf Fehler einstellen und dass gescheitert wird. Scheitern als Chance sehen. Diese Sachen sollte man Kindern schon früh genug als Lustfaktor beibringen. Dass du sagst: du wirst erst dann wirklich geil, wenn es schief läuft, das wirst du noch erleben. Nicht die Kinder zu erziehen in einen vorauseilenden Gehorsam sich selber zu bescheiden und schon als Kinder zu lernen, dass sie sich nicht entfalten sollten, weil wenn sie es machen würden, würden sie sofort in der Gesellschaft keine Schnitte mehr bekommen. Ich will auch keine Asozialen heranziehen. Ich will Kinder in der Verantwortung. Man darf alles machen, man muss aber nicht gleich Kokain einnehmen oder in einem Technoclub leben und alle Sexualpraktiken machen als siebzehnjährige. Man kann aber anfangen als siebzehnjährige das zu lesen, das geil zu finden, das aufzuschreiben, das zu klauen, zu sortieren, weil es einen anmacht. Ich habe Apollinaire gelesen mit siebzehn, ich habe Die 11 000 Routen oder Bataille, die Geschichte des Auges habe ich mit 22 gelesen. Das waren für mich DIE WERKE.  NNNTTT

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